Wer heute in Europa geschäftlich tätig ist, muss sich an ein strenges „Digital Rulebook“ halten. Dabei handelt es sich um eine Reihe von Gesetzen, die regeln, wie Sie mit Daten umgehen, Software entwickeln und mit Kunden kommunizieren. Diese Gesetze werden von Regulierungsbehörden verabschiedet – den offiziellen Organisationen, die die Regeln festlegen:
Europäisches Parlament: Das Gremium, das von den Bürgern gewählt wird, um deren Interessen zu vertreten.
Rat der Europäischen Union: Das Gremium der Minister aus jedem der 27 Mitgliedstaaten.
Europäische Kommission: Die Exekutive, die erste Gesetzesentwürfe ausarbeitet und dafür sorgt, dass diese eingehalten werden.
Der Einstieg in den europäischen Markt im Jahr 2026 erfordert ein fundiertes Verständnis dafür, wie Barrierefreiheit, Sprache und Datenverwaltung miteinander zusammenhängen. Wenn Ihre digitalen Produkte nicht lokalisiert und barrierefrei sind, sind sie nicht nur „benutzerunfreundlich“ – sie sind wahrscheinlich sogar rechtswidrig.
Dieser Artikel wurde von Egor Vikhrov, einem von Smartcat zertifizierten Rechtsanwalt, unter der Leitung von Stepan Chplakhyan, dem Leiter der Rechtsabteilung von Smartcat, geprüft und validiert.
Die wichtigsten Erkenntnisse
Barrierefreiheit: Das Europäische Barrierefreiheitsgesetz schreibt WCAG-konforme digitale Produkte vor – neue Produkte mussten bis Juni 2025 den Anforderungen entsprechen, während bestehende Dienste bis zum 28. Juni 2030 die Anforderungen erfüllen müssen, einschließlich lokalisierter Barrierefreiheitsanforderungen.
Datenzugriff: Das EU-Datengesetz schreibt „Access-by-Design“ vor, wonach vernetzte Geräte den Nutzern einen einfachen Zugriff auf ihre Daten ermöglichen müssen; für neue Produkte gelten ab September 2026 umfassende Designverpflichtungen.
Sicherheit und Plattformvorschriften: Das Gesetz zur Cyber-Resilienz führt ab 2026 eine Meldepflicht für Sicherheitslücken ein, während das Gesetz über digitale Dienste Unternehmen verpflichtet, illegale Inhalte zu entfernen und irreführende Praktiken bei der Benutzeroberfläche zu vermeiden.
KI und digitale Identität: Das EU-KI-Gesetz schreibt bis August 2026 Governance-Maßnahmen und eine Risikoklassifizierung für risikoreiche KI vor, und eIDAS 2.0 wird EU-weite digitale Identitäts-Wallets einführen, die große Plattformen möglicherweise unterstützen müssen.
1. Das Europäische Gesetz zur Barrierefreiheit (EAA)
Die EAA ist ein Gesetz, das vom Europäischen Parlament und vom Rat der EU verabschiedet wurde, um sicherzustellen, dass jeder digitale Produkte nutzen kann. Für in der EU tätige Unternehmen bedeutet dies, dass sie jedes kundenorientierte digitale Tool überprüfen müssen, um sicherzustellen, dass es Nutzer nicht aufgrund ihrer Fähigkeiten ausschließt.
Was ist das Europäische Gesetz zur Barrierefreiheit (EAA)?
Die EAA ist eine Richtlinie – also eine Rechtsvorschrift der EU –, die darauf abzielt, den Binnenmarkt durch den Abbau von Barrieren für Menschen mit Behinderungen zu verbessern. Im Gegensatz zu früheren Leitlinien macht sie private Unternehmen rechtlich für digitale Barrieren haftbar und verlagert damit die Verantwortung von der Regierung auf die Unternehmensinhaber.
Serviceübergang und Durchsetzung
Während neue Produkte bereits im Juni 2025 eingeführt werden sollten, gilt für bereits laufende Dienste eine Übergangsfrist (zusätzliche Zeit zur Anpassung) bis zum 28. Juni 2030. Die nationalen Behörden (Aufsichtsbehörden in den einzelnen Ländern) sind für die Durchsetzung zuständig und nehmen ihre Aufgabe sehr ernst. Die Strafen variieren stark: Irland ist derzeit der einzige Mitgliedstaat, der strafrechtliche Sanktionen (wie Freiheitsstrafen) zulässt, während andere Verwaltungsstrafen in Höhe von 5.000 bis 1.000.000 Euro verhängen.
Was ist zu tun?
Prüfung gemäß WCAG 2.1 AA: Sie müssen sicherstellen, dass Ihre Website und Ihre mobilen Apps diese internationalen Barrierefreiheitsrichtlinien erfüllen.
Lokalisierter Alt-Text: Alle Alt-Texte (Textbeschreibungen von Bildern) müssen in dieselbe Sprache wie der umgebende Text übersetzt werden, um gültig zu sein.
Regelung für Subunternehmer: Wenn Ihr privates Unternehmen als Subunternehmer für eine öffentliche Einrichtung tätig ist, müssen Sie die WAD (Web Accessibility Directive) – eine strengere Regelung – befolgen, anstatt sich nur an die EAA zu halten.
Kleinstunternehmen (<10 Mitarbeiter, <2 Mio. € Jahresumsatz) sind von einem Großteil der EAA-Anforderungen für Dienstleistungen ausgenommen.
2. Das Datenschutzgesetz: „Access-by-Design“
Der Data Act ist ein Gesetz, das vom Europäischen Parlament und vom Rat der EU verabschiedet wurde, um Nutzern die Kontrolle über gerätegenerierte Daten zu geben. Für jedes Unternehmen, das in Europa „vernetzte“ Hardware verkauft, bedeutet dies, dass die Art und Weise, wie Ihre Geräte Daten erfassen und an den Endnutzer weitergeben, grundlegend überdacht werden muss.
Was ist das Datengesetz?
Dieses Gesetz schreibt „Access-by-Design“ vor, d. h. die Anforderung, Produkte so zu entwickeln, dass Daten standardmäßig leicht zugänglich sind. Es verpflichtet Hersteller von „vernetzten Produkten“ (Smart Devices oder IoT), die von diesen Produkten erzeugten Daten den Nutzern ohne zusätzliche Hürden leicht zugänglich zu machen.
Wichtige Termine und Anforderungen des Datengesetzes?
Das Gesetz trat am 12. September 2025 in Kraft; ab diesem Zeitpunkt gelten die meisten Verpflichtungen des Datengesetzes (Datenzugriff, Verträge, Cloud-Wechsel). Ab dem 12. September 2026 treten spezifische Gestaltungsauflagen für neue vernetzte Produkte und damit verbundene Dienste, die in Verkehr gebracht werden, in vollem Umfang in Kraft, was bedeutet, dass Sie in neuen Produkten keine „geschlossenen“ Datensysteme mehr verkaufen dürfen. Diese Gestaltungsauflagen gelten nicht für bereits vorhandene Produkte.
Was ist zu tun?
Integrierter Zugriff: Sie müssen sicherstellen, dass intelligente Hardware es den Nutzern ermöglicht, ihre eigenen Daten direkt, sofort und kostenlos herunterzuladen oder weiterzugeben.
Cloud-Verträge überprüfen: Das Gesetz erleichtert den Wechsel des Cloud-Anbieters. Daher müssen Sie Ihre Dienstleistungsverträge überprüfen, um „Lock-in“-Klauseln zu entfernen, die Nutzer daran hindern, ihre Daten zu übertragen.
3. Gesetz zur Cyber-Resilienz (CRA) und Gesetz über digitale Dienste (DSA)
Diese Gesetze zielen darauf ab, Nutzer vor Hackern und illegalen Handlungen im Internet zu schützen, und werden vom Europäischen Parlament und vom Rat verabschiedet. Für Unternehmen bedeutet dies, dass Sie nun gesetzlich für die Sicherheit der von Ihnen verkauften Software und die Korrektheit der Gestaltung Ihrer Website verantwortlich sind.
Gesetz zur Cyber-Resilienz (CRA)
Das CRA legt verbindliche Cybersicherheitsvorschriften für alle „Produkte mit digitalen Elementen“ fest, darunter nahezu die gesamte Hardware und Software.
Was zu tun ist: Sie müssen sich auf die verpflichtende Meldung von Sicherheitslücken vorbereiten. Ab dem 11. September 2026 muss Ihr Unternehmen alle schwerwiegenden Sicherheitslücken innerhalb einer strengen Frist an die Behörden melden.
Gesetz über digitale Dienste (DSA)
Diese Vorschrift schützt Nutzer vor illegalen Inhalten und hinterhältigen Website-Designs, sogenannten „Dark Patterns“, die darauf abzielen, Nutzer zum Kauf von Produkten zu verleiten.
Was zu tun ist: Sie sollten Ihre Website auf irreführende Gestaltungselemente (wie „versteckte“ Abonnement-Schaltflächen) überprüfen und sicherstellen, dass Sie über einen klaren Plan zur Entfernung von illegalen Inhalten verfügen, die von Nutzern gemeldet wurden.
4. Das KI-Gesetz: Risikobasierte Einhaltung der Vorschriften
Das KI-Gesetz ist das weltweit erste umfassende Regelwerk für künstliche Intelligenz, das vom Europäischen Parlament und vom Rat der EU verabschiedet wurde. Für Unternehmen, die KI einsetzen, bedeutet dies, dass sie ihre Tools nach ihrem Risikograd einstufen und detaillierte Aufzeichnungen darüber führen müssen, wie diese Entscheidungen treffen.
Was ist das KI-Gesetz?
Es wird ein risikobasierter Ansatz verfolgt, um sicherzustellen, dass KI für alle Bürger sicher und transparent ist. KI-Systeme werden je nach dem von ihnen ausgehenden Risiko in Kategorien eingeteilt; so gilt beispielsweise KI, die bei der Personalauswahl eingesetzt wird, oft als „risikoreich“ und muss sehr strengen Vorschriften unterliegen.
Ausnahme bei der Integration mit hohem Risiko
Die meisten Systeme mit hohem Risiko müssen die Anforderungen bis zum 2. August 2026 erfüllen, es gibt jedoch eine besondere Ausnahme. Wenn Ihre KI mit hohem Risiko in ein bereits reguliertes Produkt – wie beispielsweise ein Auto oder ein Medizinprodukt – integriert ist, haben Ihnen die EU-Regulierungsbehörden eine Frist bis zum 2. August 2027 eingeräumt, um die Anforderungen zu erfüllen. Das „Digital Omnibus“-Paket der Europäischen Kommission (November 2025) sieht vor, die Fristen des KI-Gesetzes um 6 bis 16 Monate zu verschieben. Sollte dies verabschiedet werden, könnte sich die Frist für eingebettete Produkte auf 2028 verschieben.
Was ist zu tun?
Risikoklassifizierung: Sie müssen anhand der offiziellen EU-Liste feststellen, ob Ihr KI-System als „risikoreich“ einzustufen ist.
Nachweis der Governance : Wenn Ihre KI als risikoreich eingestuft wird, müssen Sie strenge Sicherheits- und Meldepflichten umsetzen, um nachzuweisen, dass die KI fair und sicher ist.
5. Lokalisierte Barrierefreiheit: Erfolgskriterien 3.1.1 und 3.1.2
Konformität und Übersetzung sind rechtlich durch den WCAG 2.1-Standard miteinander verknüpft, der vom W3C gepflegt wird. Für Unternehmen, die in mehreren EU-Ländern tätig sind, bedeutet dies, dass Ihre „lokalen“ Websites so programmiert sein müssen, dass sie korrekt mit assistiver Software kommunizieren können.
Was bedeutet „lokalisierte Barrierefreiheit“ im Zusammenhang mit den Kriterien 3.1.1 und 3.1.2?
Dies sind Regeln, die sicherstellen, dass Textinhalte verständlich sind – das heißt, dass sie sowohl von Menschen als auch von Maschinen gelesen werden können:
Sprache der Seite (3.1.1) : Dies erfordert, dass die Hauptsprache jeder Seite im Code angegeben wird.
Sprache der Abschnitte (3.1.2) : Dies bedeutet, dass bei einer Seite mit mehreren Sprachen (z. B. bei einem Zitat) jeder Abschnitt separat gekennzeichnet werden muss.
Was ist zu tun?
HTML-Sprach-Tags: Sie müssen Tags wie für Französisch verwenden, damit der Computer weiß, welches Wörterbuch er verwenden soll.
Kompatibilität mit Screenreadern : Sie sollten Sprachwechsel im Text markieren, damit Screenreader (Software für Blinde) automatisch zur richtigen Stimme und Aussprache wechseln.
6. Gesetze zum Schutz der Landessprachen
Die Mitgliedstaaten (die einzelnen Länder) haben oft strengere lokale Gesetze, die von ihren eigenen nationalen Regierungen verabschiedet wurden. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie selbst bei Einhaltung der EU-Rechtsvorschriften in bestimmten Ländern möglicherweise dennoch vollständige Übersetzungen bereitstellen müssen, um lokale Bußgelder zu vermeiden.
Was sind die nationalen Gesetze zum Schutz der Sprache?
Es handelt sich hierbei um Gesetze, die darauf abzielen, die Kultur und Sprache eines Landes im Geschäftsleben und im öffentlichen Leben zu schützen.
Frankreich (Toubon-Gesetz): Danach ist die Verwendung der französischen Sprache für alle Etiketten, Gebrauchsanweisungen und Werbeanzeigen vorgeschrieben.
Italien: Die nationalen Vorschriften verlangen, dass alle Produktetiketten ins Italienische übersetzt werden.
Finnland: Informationen zur sicheren Verwendung müssen auf Finnisch und Schwedisch verfügbar sein.
Was ist zu tun?
Market Audit: Sie müssen für jeden Markt, in den Sie eintreten, eine länderspezifische rechtliche Prüfung durchführen, um festzustellen, ob dort über die EU-Mindestanforderungen hinausgehende zusätzliche sprachliche Anforderungen bestehen.
7. Das europäische digitale Identitäts-Wallet
Die Identitätsprüfung wird EU-weit durch die eIDAS 2.0-Verordnung standardisiert. Für Unternehmen, die Benutzeranmeldungen oder Altersüberprüfungen durchführen, bedeutet dies, dass sie bald eine neue, offizielle Methode unterstützen müssen, mit der Nutzer ihre Identität nachweisen können.
Was ist das Europäische digitale Identitäts-Wallet?
Diese vom Europäischen Parlament verabschiedete Regelung verpflichtet alle Mitgliedstaaten, bis 2026 mindestens eine EU-konforme digitale Geldbörse bereitzustellen. Damit können Bürger ihren Personalausweis, ihren Führerschein oder ihre Zeugnisse sicher über ihr Smartphone vorlegen.
Was ist zu tun?
Akzeptanz der Wallet: Bis Ende 2026 könnten große Online-Plattformen (wie führende Social-Media- oder Shopping-Websites) verpflichtet (gesetzlich dazu gezwungen) sein, diese Wallet zur Verifizierung von Nutzern zu akzeptieren.
Unicode-Implementierung: Sie müssen den Unicode-Standard verwenden, um sicherzustellen, dass die Namen und Zeichen in diesen Wallets auf allen Ihren Systemen korrekt angezeigt werden.
Fazit: Compliance als Strategie
Im Jahr 2026 ist die Einhaltung der Vorschriften – Compliance – keine Nebensache mehr, sondern eine zentrale Geschäftsstrategie. Vom Datenschutzgesetz bis zur EAA – diese Vorschriften werden von Entscheidungsgremien wie dem Europäischen Parlament verabschiedet, um die Bürger zu schützen und einen fairen Markt zu gewährleisten. Indem Sie Ihre digitalen Produkte jetzt richtig aufsetzen, stellen Sie sicher, dass Ihre Marke bereit ist, in der am stärksten regulierten – und wertvollsten – digitalen Landschaft der Welt zu wachsen.
Compliance-Risiken reduzieren, ohne globale Markteinführungen zu verzögern
Angesichts der sich ständig weiterentwickelnden EU-Vorschriften müssen Unternehmen ihre digitalen Inhalte, Dokumentationen und die Kundenkommunikation marktübergreifend kontinuierlich aktualisieren. Smartcat unterstützt Teams dabei, sich dank KI-gestützter Content- und Sprach-Workflows schneller anzupassen, und ermöglicht es Rechts-, Compliance-, Marketing- und Produktteams, konforme Inhalte regionenübergreifend in einem einheitlichen System zu aktualisieren, zu übersetzen und bereitzustellen.
Haftungsausschluss
Unterschiedliche Strafen: In jedem EU-Land gibt es eine eigene Behörde, die über Bußgelder entscheidet, die von geringen Verwaltungsgebühren bis hin zu schweren strafrechtlichen Anklagen reichen können. Dieser Artikel dient lediglich zu Informationszwecken und stellt keine offizielle Rechtsberatung dar.
Quellen
Europäische Kommission. (2026). Richtlinie zur Barrierefreiheit im Internet – Standards und Harmonisierung: Gestaltung der digitalen Zukunft Europas. https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/web-accessibility-directive-standards-and-harmonisation
Europäisches Parlament und Rat der Europäischen Union. (2024). Verordnung (EU) 2024/1689 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Juni 2024 zur Festlegung harmonisierter Vorschriften für künstliche Intelligenz (KI-Gesetz). https://www.w3.org/TR/WCAG21/ (Hinweis: Grundlegende Standards zitiert über das W3C).
Europäisches Parlament und Rat der Europäischen Union. (2023). Verordnung (EU) 2023/2854 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Dezember 2023 über harmonisierte Vorschriften für den fairen Zugang zu Daten und deren Nutzung (Data Act). https://www.w3.org/TR/WCAG21/ (Referenziertes Rahmenwerk).
Flexopus. (2026). Barrierefreiheit – WCAG 2.1: Anforderungsbeschreibung und Erfolgskriterien. https://help.flexopus.com/en/admins/wcag/
World Wide Web Consortium (W3C). (2025). Richtlinien für barrierefreie Webinhalte (WCAG) 2.1: W3C-Empfehlung. https://www.w3.org/TR/WCAG21/
World Wide Web Consortium (W3C). (2026). Erläuterung zu Richtlinie 1.1: Textalternativen. Web Accessibility Initiative (WAI). https://www.w3.org/WAI/WCAG22/Understanding/text-alternatives



